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     Berichte      

Sommertouren 2006

Hier kannst du sie nachlesen.

 

 

Berichte Sommertouren 2005

Brienzer Rothorn
(eintägiger Ausflug)

Es ist ca. halb sechs Uhr morgens, als eine noch etwas verschlafene Wandergruppe die Autos auf dem Brünigpass verlässt und zielstrebig auf eine Wegverzweigung zusteuert. Der KTV Illgau ist wieder mal unterwegs. Diesmal scheint es schon bei der ersten Sommertour zu klappen. Der dämmrige Morgenhimmel ist mit dünnen Wolken übersät und wir glauben alle nicht recht, dass die vom Wetterfrosch versprochene 30° Hitze eintrifft. Aber lassen wir uns überraschen.
Auf der Wanderung sind folgende Personen beteiligt. Alois Rickenbacher Untermüllersberg, Margrith Kaufmann Fislisbach, Heiri (Moser) und Lisbeth Ulrich Erli, Luzia Bürgler Melu, Sepp Bürgler Kilchrain, Brigitte Bürgler Kilchmatt, Pauli Bürgler Bergli, Guido Ulrich Lindenmatt, Evi Hürlimann Lindenmatt, Markus (Küssel) Bürgler Lindenmatt, Andrea Ott Ried, Alois Herger Träumli und Christian Rickenbacher Palmli.
Schon bald verlassen wir die Strasse und wir steigen durch Wald und Wiesen, an einzelnen Gebäuden vorbei, dem Grat entgegen der sich zum Brienzerrothorn hinzieht. Inzwischen hat uns die Sonne bereits guten Morgen gesagt, doch sie verschwindet immer wieder hinter Wolken. Das Gehen ist herrlich angenehm und die einzelnen Grüpplein sind unterdessen in eine lebhafte Unterhaltung vertieft. Etwa nach 2 ½ Stunden rasten wir. Während der Znünipause geniessen wir den herrlichen Ausblick auf die Berneralpen und die tiefblauen Seen. Doch unser Ziel, das Rothorn scheint noch kaum näher gekommen zu sein. Während den nächsten 2 Wegstunden, die meistens auf dem imposanten Berggrat verlaufen, begrüssen uns links und rechts eine Vielfalt von Alpenblumen, die das Herz jedes Bergfreunden höher schlagen lässt.
Vor dem letzten, jähen Aufstieg auf das Rothorn gibt es nochmals eine kurze Rastpause. Doch der nahe Gipfel und der Hunger treiben uns schon bald weiter. Die Sonne brennt nun unbarmherzig auf unsere Rücken und wir bezahlen den Tribut an den Berg in Form von Schweisstropfen. Um Ca. 11.15 Uhr ist der Gipfel erreicht und wir fröhnen der verdienten Rast und der herrlichen Aussicht. Auch ein währschafter „Rothornkaffee“ gehört noch dazu, ehe wir uns um 14.00 Uhr mit dem Dampfzügli gemächlich Richtung Brienz tuckern. Als wir dort ankommen erwartet uns eine sengende Hitze. Wir sind froh, dass wir in einen kühlen Bahnwagen einsteigen können der uns mit geruhsamen Wiegen wieder an unseren Ausgangspunkt, den Brünigpass bringt.
Die gemütliche aber sehr schöne Höhenwanderung runden wir schliesslich in Sisikon mit einem allgemein sehr würzigen, italienischen Nachtessen gebührend ab.

 

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Klettersteige in Engelberg
(zweitägiger Ausflug)

Dieser Ausflug fand leider wegen schlechter Witterung nicht statt. Hier sind trotzdem einige Bilder, die mir Küssl zur Verfügung gestellt hat.

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Finsteraarhorn
(dreitägiger Ausflug)

Beteiligte:
Dieter Betschart (Muotathal), Peter Betschart (Eggli), Paul Bürgler (Bergli), Römi Bürgler (Obermüllersberg), Armin Heinzer (Ingenbohl), Alois Herger (Träumli), Richi Schelbert (Muotathal), Guido Ulrich (Lindenmatt), Heiri Ulrich (Erli), Alois Rickenbacher (Untermüllersberg), Xaver Rickenbacher (Sunnerain) und Christian Rickenbacher (Schreiberling)

 

Freitag, 12. August 2005
Eine rote Verkehrsampel holt mich aus meinem Dösen im bequemen Autositz. Es ist 20 Minuten vor fünf Uhr früh und daher noch fast stockdunkel. Ein rauer Wind haucht mir entgegen, als ich aus dem Bus zu den Kameraden trete. Nebelschwaden verhüllen die schwarzen Silhouetten der umliegenden Berge. Doch es sind auch einige klare Flecken am Himmel, aus denen vorwitzig ein paar Sterne zu uns herunter blinzeln. Vor fast zwei Stunden sind wir in Illgau losgefahren. Jetzt warten wir hier auf grünes Licht um zum Oberaarstausee zu fahren. Anfangs dieser Woche hatte ich nicht mehr daran geglaubt, dass wir heute hier stehen würden. Denn der Wetterbericht hatte alles andere als rosige Aussichten auf das Wochenende. Deshalb stand es mit meiner allgemeinen Laune nicht gerade zum Besten. Doch inzwischen hat sich der Wetterbericht gewaltig zu unseren Gunsten gewendet und wir haben uns fürs Gehen entschieden. Unterdessen ist es fünf Uhr und auch die Ampel steht auf grün, so dass wir weiterfahren können.
Als wir uns um halb sechs Uhr am See zum Abmarsch bereit machen, bricht allmählich der Tag an. Dichter Nebel liegt über dem See, der sich wie ein graugrünes Tuch im gespenstischen Licht des Nebels verliert. Nur zu gut weiss ich, was sich hinter dem Nebelvorhang am Seeende verbirgt.
Taunasse Büschel von Alpenblumen aller Arten stehen am Wegrand. Sie sehnen sich nach dem warmen Licht der Sonne, genau wie wir. Meine Erinnerungen schweifen 14 Jahre zurück, als ich diese Strecke schon einmal gegangen war, aber in die entgegengesetzte Richtung. Leider war mir damals das Glück nicht so hold. Denn ich drückte auf dem Oberaargletscher eine morsche Schneebrücke ein und hing in einer ordentlich tiefen Gletscherspalte am Seil. Die Folgen des Sturzes waren eine ausgerenkte linke Schulter und einen ziemlichen Schrecken in den Gliedern. Deshalb begegne ich dem ersten, langen Aufstieg zum Oberaarjoch eher mit gemischten Gefühlen.
Inzwischen haben wir etwa nach einer Stunde das Seeende erreicht und wir treten auf die mit Geröll und Sand übersäten Gletscherzunge hinaus. Das Eis ist durch den Sand sehr griffig. Wir gehen eine ganze Weile ohne Steigeisen. Doch etwa nach einer halben Stunde wird das Eis zusehends blanker. Wir müssen unsere Gletschermontur anziehen. Der Morgennebel lichtet sich immer mehr. Allmählich schält sich eine traumhafte Bergkulisse aus dem trüben Grau, die mit ihren zarten Morgenfarben wie Balsam auf uns wirkt.
Doch der Oberaargletscher scheint mir auch heute wieder feindlich gesinnt zu sein. Denn als ich die Steigeisen montieren will, bricht das rechte Eisen in zwei Teile. Im Moment bin ich völlig ratlos. Vor uns liegen heute noch fast sieben Stunden Gletschermarschieren. Morgen ein Gipfel, an den ohne Steigeisen nicht zu denken ist und am Sonntag der ganze weite Weg zurück. Was nun? Wir versuchen das Steigeisen notdürftig mit Schnüren zu reparieren. Doch das raue Eis zerreibt die Schnur in Kürze und macht unsere Hoffnungen zunichte. Also geht es wohl oder übel mit einem Eisen weiter. Doch was ist morgen mit dem Berg? Mit einem Steigeisen wäre dies ein absolut leichtsinniges und gefährliches Unterfangen. Also bedeutet es den Verzicht auf den Gipfel? Eine sehr bittere Pille für mich. Doch es besteht ja noch die Hoffnung, dass mir der Hüttenwart der Oberaarjochhütte oder der Finsteraarhornhütte weiterhelfen kann.
Wir steigen mit diesen positiven Gedanken dem Oberaarjoch zu, das auch noch nach zwei Stunden kaum näher zu kommen scheint. Zum Glück ist das blanke Eis sehr griffig. Das Gehen mit einem Eisen geht ganz passabel, so dass auch ich mich wieder am herrlichen Tag freuen kann. Der Gletscher ist zum Teil ordentlich zerrissen und wir müssen an einigen Orten tiefe Spalten umgehen. Nur zu gut kann ich mich noch an das dumpfe, unheimliche Gefühl erinnern, als ich damals am Seil in einer solchen schwarzen, klaffenden Wunde des Gletschers hing. Zum Glück ist er heute so weit blank, dass wir die kritischen Spaltenregionen sogar ohne Seil meistern können.
Das oberste Drittel des Gletschers ist überschneit und wir seilen uns an. Endlich nach fünf Stunden, um ca. 11 Uhr erreichen wir das Oberaarjoch. Die Hütte steht auf einem Felsen sehr ausgesetzt über dem Gletscher und man kann sie nur über eine Leiter erreichen. Wir lassen uns auf der sonnigen Terrasse nieder und geniessen das herrliche Panorama. Zum ersten Male kommt uns „unser Berg“, das Finsteraarhorn zu Gesicht, dessen schroffe Felsgrate sich steil in den makellos blauen Himmel türmen. „Und morgen willst du dort hinauf?“ denke ich ungläubig. Zum Glück sieht die Rückseite des Berges bedeutend weniger abweisend aus.
Als wir eine Weile gerastet und etwas konsumiert haben, erkundigen wir uns wegen meines Steigeisenproblems. Doch der Hüttenwart, der uns sehr gerne geholfen hätte, muss uns leider enttäuschen. Er besitzt nur ein einziges Paar und braucht sie für einen allfälligen Ernsteinsatz am Berg verständlicherweise selber. Also bleibt nur noch die Finsteraarhornhütte. Der Gedanke. bei solch herrlichem Wetter auf den lang ersehnten Gipfel verzichten zu müssen, schmerzt. Doch irgendwie habe ich ein gutes Gefühl, dass alles gut kommt. So treten wir um etwa halb 12 Uhr in die Weite des Galmigletschers hinaus. Es geht abwärts und schon bald erreichen wir wieder blankes Eis.
Stunde um Stunde verrinnt. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Moräne, wo der Galmi- und der riesige Fieschergletscher zusammenfliessen. Nun ist unser heutiges Ziel nicht mehr allzu weit entfernt. Wir gönnen uns mitten im Eis nochmals eine wohltuende Rast, ehe es dann an herrlichen Gletschertischen vorbei der Hütte entgegen geht. Es ist geradezu erschreckend, wie stark die Gletscher ausgeapert sind. Dort, wo vor 14 Jahren harter Firnschnee an die steilen Hänge klebte, starren uns heute braune, steinschlaggefährdete Schutthalden entgegen. So auch im Aufstieg zur „Gämslücke“, die wenig einladend auf uns wirkt. Der Weg vom Gletscherrand zur Hütte hinauf geht uns nach 8 1/ 2 Stunden Marsch ganz schön in die Knochen. Deshalb sind wir froh, dass wir um ca. 16 Uhr unsere Füsse aus den schweren Schuhen befreien und sie in bequeme Hüttenfinken stülpen können. Die Hütte ist fast niegelnagelneu und der Komfort ist geradezu feudal. Herrliche Essräume und eine grosszügige Terrasse laden zum Geniessen ein. Doch was uns am meisten überrascht, sind die nordischen Bettdecken, die heute Abend auf uns warten. Von der Küche her kommt uns verführerischer Suppenduft entgegen. Unsere Mägen beginnen allmählich zu knurren.
Doch ganz in vollen Zügen kann ich das Hüttenkaffee nicht geniessen. Das Steigeisen liegt mir auf dem Magen. Schliesslich suchen Alois und ich den Hüttenwart auf. Er ist eifrig mit dem Vorbereiten des Nachtessens beschäftigt. Eher zaghaft schildern wir ihm unser Problem. Mit seinem währschaften, herzlichen Haslitalerdialekt meint Heinz von Weissenfluh schliesslich gelassen: „I globä, das sellti eppä scho ga. Aber jetz ha ni fin en Bitz z’düe. I wellti dä nach em Nachtässe hurti iis guggä.“ Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen und ich bin in Kürze geradezu mit Motivation vollgepumpt. Auch der Wetterbericht verspricht Gutes und deshalb ist die Vorfreude gross. Die Zeit verfliegt im Nu. Nach dem Nachtessen händigt mir der Hüttenwart mein lang ersehntes Steigeisen aus, das zu unserer Überraschung auf Anhieb wie angegossen passt.
Der Tag neigt sich inzwischen bereits und die Abendsonne taucht die umliegenden Gipfel in zarte Farben. Auch bei uns meldet sich langsam die Müdigkeit. Doch ohne einen leichten Schlummertrunk geht es trotzdem nicht. Bevor ich mich dann endgültig in die Federn begebe, fällt mein Blick nochmals auf eine Postkarte an der Wand. Sie zeigt die majestätische Pyramide des Finsteraarhorns im schönsten Abendrot. Ein Berg, von dem ich bis jetzt kaum zu träumen wagte. Und morgen sollte ich diesen scharfen Gipfelkamm aus Fels und Eis besteigen?


Samstag
Es ist 1/ 4 nach 5 Uhr morgens. In einem Gewirr von Blöcken und Sand steht eine Gruppe Leute, die emsig damit beschäftigt ist in die Gletschermontur zu schlüpfen. Vor uns bäumt sich eine fast 40° steile Blankeisflanke auf, die düster in das fahle Licht des anbrechenden Morgens starrt. Wir sind schon eine gute halbe Stunde über raues, felsiges Gelände unterwegs, ca. 200 Höhenmeter über der Hütte. Von Westen her treibt ein stürmischer Wind dunkles Gewölk zu uns, das die umliegenden Gipfel zum Teil einhüllt. Zwischendurch tanzen vereinzelt dünne Schneeflocken zu Boden. Von dem erwarteten Sternenhimmel ist nichts zu sehen. Was ist wohl mit dem Wetter los? Das Gewölk zieht rasch nach Osten und es sieht so aus, als lichte sich der Nebel etwas. Deshalb entschliessen wir uns die Eisflanke in Angriff zu nehmen. Bereits hier hätte es für mich das Aus bedeutet, hätte ich nur ein Steigeisen an den Füssen. Doch jetzt krallen sich die unentbehrlichen Helfer herrlich in das griffige Eis und das Gehen macht Spass.
Dieter legt von Anfang an ein angenehmes, aber trotzdem zügiges Tempo vor und wir gewinnen rasch an Höhe. Unser Ziel, das noch einige Stunden von uns entfernt ist, streckt seine felsige Nase steil über uns in den wild umhertreibenden Nebel. Ein eisiger Wind heult um die zerfurchten Grate des Berges. Ist uns das Finsteraarhorn wohl heiter – oder wie sein Name sagt – eher finster gesinnt?
„Ich glaubä, hüt verliidid mier es Windjäggli da obe. Es wird ehnder zügig“ meint einer mit respektvollen Ton. „Wenns üs emal dä nid vorher bschtellt“ gibt ein anderer zu bedenken. Inzwischen ist es Tag geworden. Der Weg führt über einige, relativ heikle Schneebrücken zu einem felsigen Zwischenstück, das zur Rast einlädt. Der Himmel ist wieder etwas freundlicher geworden, ja es sind sogar wieder einige hoffnungerweckende, blaue Löcher im Gewölk auszumachen.
Wir ziehen die Rast nicht in die Länge, sondern sind bedacht weiterzukommen, das Wetter ist unberechenbar. Ein kurzes Stück geht es über Schutt und Fels, dann treten wir in die lange Firnflanke hinaus, die zum Hugigsattel führt. Der Schnee ist geradezu perfekt und die Eisen greifen herrlich, doch die Steilheit geht ordentlich in die Waden. Schlaufe um Schlaufe ringen wir dem scheinbar endlosen Hang ab, er aber setzt sich uns mit hartneckiger und unerbittlicher Steilheit entgegen. Von einer Erholungsphase kann man hier nur träumen. Doch endlich beginnen die Felstürme am Horizont grösser zu werden und viertel vor neun Uhr erreichen wir den Hugisattel. Wir haben die Viertausender Grenze überschritten. Ein eisiger Wind peitscht uns ins Gesicht, als wir den Blick vom Sattel aus in die senkrechte Ostwand wagen.
Nur zu gerne schlüpfen wir in die warmen Windjacken und Handschuhe. Von hier aus sieht der finstere, mit Schneerinnen durchsetzte Gipfelgrat aus wie ein scharfes, riesiges Messer das den nebligen Himmel durchschneiden will. „ Da hinauf?“ denke ich, als ich die respekteinflössenden, steilen Felsaufschwünge betrachte, Inzwischen haben uns zwei Bergführer erreicht, die bereits wieder vom Gipfel zurückkommen. Wir erkundigen uns sofort, wie die Verhältnisse am Grat sind. Mit markantigem Urnerdialekt meint einer von ihnen: „Äs isch e bitz chaut um d’Nase ummä, aber- momou, da kämid iär güed üffä hit!“
„Jetzt oder nie“, denke ich. „Wenn es mir heute mit solch guten und sicheren Kameraden nicht gelingt, dann gelingt es nie.“ Schon wenige Minuten später erreichen wir die ersten Felsaufschwünge. Andere Seilschaften sind bereits wieder im Abstieg, das verraten uns die knirschenden Geräusche der Steigeisen die immer näher kommen. Die kurzen Felsstufen sind relativ leicht und der Trittschnee sehr griffig. Der eisige Wind hat sich stark beruhigt und das Höherkommen wird zu einem wahren Genuss. Langsam beginnen sich auch die benachbarten Berge aus dem Nebel zu schälen. Ich könnte jauchzen vor Freude, doch der Atem keucht zu sehr in der dünnen Luft. Mehr als einmal führt die Route direkt auf dem Grat. Der Blick fällt in die senkrechte Ostwand, die sich scheinbar bodenlos im weissen Nebel verliert. „Läck mier, gad’s da z’Loch durab“ rutscht es mir heraus. „Ja, da isch vier- füüf Hundert Meter fädig (senkrecht)“ meint Dieter gelassen. Ich ziehe es vor, an diesen schmalen Passagen auch meine Hände zu gebrauchen. Da meint Alois Herger spöttisch: „Chrigel, darfsch ruehig ufschtah, schlasch dr’Grind nienä aa.“ Zu meiner Rechtfertigung sehe ich aber, dass auch er sich der gleichen Technik bedient und deshalb habe ich auch eine entsprechende Antwort bereit. Wir erreichen einen Felssporn, dessen Umgehung schwierig aussieht. Doch eine gute Rinne führt einige Meter in die Tiefe und von hier aus schwingt sich der Grat ein letztes Mal steil auf. Um viertel vor zehn, genau fünf Stunden nach dem Aufbruch in der Hütte kann ich das Gipfelkreuz anfassen. Ich kann es noch kaum glauben. Für mich erfüllt sich in diesen Minuten ein Traum, an den ich lange kaum zu denken wagte. Wieder einmal erlebe ich Momente die ich in Worten schwer fassen kann. Es sind Momente der uneingeschränkten Freude, in denen mir das Herz fast zerspringt. Mit einem Satz gesagt: Der Schreiberling erlebt wieder einmal seine schwache fünf Minuten am Berg. Nach kurzer Zeit erreichen auch die Gruppen von Guido und Alois den Gipfel. In diesem Moment bricht die Sonne durch. Lauteraarhorn und Schreckhorn grüssen herüber. Auch das Dreigestirn Jungfrau, Mönch und Eiger bereiten uns den Empfang. Richi Schelbert, unser Tourenneuling strahlt wie ein frischgeschlüpfter Maikäfer beim gratulieren. ER kann seine sichtliche Freude sowenig verbergen wie ich. Während unserem halbstündigen Aufenthalt auf dem Gipfel ist es fast völlig windstill.
Beim Abstieg zum Hugisattel ist nochmals volle Konzentration angesagt, denn schon manche schlimme Tragödie ereignete sich beim Abstieg. Es geht alles gut und wir erreichen in den frühen Nachmittagsstunden müde aber tiefzufrieden die gemütliche Hüttenterrasse. Das Wetter hat sich zum Glück zu unseren Gunsten entwickelt, und je näher der Abend kommt, desto herausgeputzter präsentiert sich die Bergkulisse.
Das heutige Nachtessen fällt wesentlich teurer aus als das Gestrige. Statt Rivella in Serie müssen heute einige Flaschen guter Tropfen dran glauben.


Sonntag
Es geht heimwärts! Vor der Finsteraarhorn-Hütte herrscht Aufbruchstimmung. Der Wetterbericht sagte für heute schlechtes Wetter voraus, stattdessen funkelt uns ein klarer Sternenhimmel entgegen. Doch wir trauen der Sache nicht richtig und sind deshalb erpicht möglichst früh wegzukommen. Es ist viertel nach fünf Uhr als wir 150 Höhenmeter unter der Hütte den Gletscherrand erreichen. Das Eis ist steinhart, doch die Steigeisen greifen wieder gut, sodass wir schnell vorwärts kommen. Mit dem anbrechenden Tag zeigen sich auch schon die ersten Zirren- und Fischwolken am Himmel. Dies ist ein untrügliches Zeichen für einen bevorstehenden Wetterumsturz, obwohl die aufgehende Sonne alles in einen unwirklich erscheinenden Farbenzauber taucht. Wir entschliessen uns trotz des blanken Gletschers anzuseilen, denn die Route führt durch ein heilloses Spaltengewirr, wo ein Ausrutscher schlimme Folgen haben kann. Zudem ist dann das Gewicht des Seiles auf alle verteilt. Um sieben Uhr erreichen wir den Galmigletscher und somit hat das hinuntergehen vorerst ein Ende. Zielstrebig geht es dem Oberaarjoch entgegen und wir rasten erst als wir einen ersten Abbruch umgangen haben. Der Blick schweift zurück zum Fieschergletscher, der schon wieder weit hinter uns liegt. Die gewaltige Freilichtbühne präsentiert uns ein grandioses Bild. Der Vordergrund wird von den grau-grünen Feldern des Gletschers beherrscht und düstere Felstürme umragen sie. Im Hintergrund erheben sich über den dunklen Tälern die schneebedeckten Häupter der Wallisergiganten wie ein leuchtender Silberkranz. Augenblicke die das Berglerherz jauchzen lassen.
Vor uns ragt wie eine riesige Festung aus Fels und Firn „unser Berg“, das sonnenbeschienene Finsteraarhorn in den unruhigen Himmel.
Der Berg zeigt sich uns noch einmal von seiner abweisenden Südostseite, von wo aus man kaum zu glauben wagt ihn besteigen zu können. Die endlosen Gletscherhänge, an denen wir Menschlein wie Ameisen mühsam dahinkrappeln umrahmen die gewaltige Szenerie. Bilder die das grenzenlose, unergründliche Wunder der Schöpfung auf eindrückliche Weise zeigen. Es sind stille Religionsstunden der Natur, die uns klein und unscheinbar werden lassen. Und doch holt uns der hektische Alltag wieder ein, in dem wir uns manchmal so ungeheuer wichtig nehmen.
Der Leser möge entschuldigen, dass ich ins Grübeln gekommen bin, doch ein sanfter Ruck am Seil holt mich aus meinen Gedanken zurück. Wir brechen auf und um ca. 9 Uhr gelangen wir wieder auf das Oberaarjoch.
Von einem Besuch in der Hütte ist besser abzusehen, denn das Gewölk am Himmel verdichtet sich zusehens. Das Joch bläst uns seinen eisigen Atem an die verschwitzten Rücken, sodass wir es vorziehen uns in wärmere Gefilde zu begeben. Der Oberaarsee der von hier aus wie ein kleiner, schimmernder Tümpel in einer erhabenen Landschaft wirkt, verrät die Ergiebigkeit des kommenden Abstiegs. Es scheint als wachse der Gletscher fortwährend, denn kaum haben wir eine Fläche hinter uns, so wartet hinter einem Buckel die Nächste. Doch um ca. 11 Uhr hat auch dieser hartnäckige Konditionstest ein Ende. Wir sind froh nach drei Tagen Eis und Schnee wieder den warmen Hauch der Erde, den Duft des Grases und der Blumen zu spüren. Mein Blick geht zurück zum Gletscher, dem ich schadenfroh zwei Siege abgetrotzt habe. Dieser jedoch steckt mir nur spöttisch seine graue, zerfurchte Zunge heraus und er will mir mit jeder Spalte sagen, dass er mir bei schwierigen Verhältnissen hundertfach überlegen wäre. Also bleibt mir nichts anderes übrig als dem bösen- guten Oberaargletscher dankbar zu sein für seine Gnade.
Um 12.15 Uhr erreichen wir gesund und wohlbehalten die Autos bei der Staumauer und als wir die Rucksäcke verladen beginnt es zu regnen. Eine Stunde später sitzen wir bereits bei einem feinen Mittagessen im Rest. Tiefenbach. Drei herrliche und unvergessliche Bergtage neigen sich dem Ende zu und mir bleibt nur noch eines, nämlich zu danken. Erstens unserem höchsten Tourenchef, der uns mit gutem Wetter und unfallfreien Tagen beschenkte. Zweitens unserem unermüdlichem Initiant und Organisator dieser eindrücklichen Erlebnisse, Alois Rickenbacher . Mein ganz persönlicher Dank gilt auch besonders meinen drei Seilgefährten: Dieter Betschart, Alois Herger und Armin Heinzer , die mich mit viel Einfühlungsvermögen und verantwortungsbewusst auf einen der schönsten Viertausender der Alpen, auf das Finsteraarhorn, geführt haben.

Illgau, im Oktober 2005

Der Schreiberling Christian Rickenbacher

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Hier sind noch einige Bilder zum Anschauen.

 

 

 

 

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Rickenbacher Alois
Untermüllersberg 2
CH-6434 Illgau